Die Gegensätze durch die ästhetische Mitte evolutionär vereinen: ENSO

Das heilige Erkennungssymbol der Zen-Attitüde ist der Enso-Kreis: Ein fester Pinselstrich, ohne Unterbrechung gezogen, der irgendwo fest beginnt und sich irgendwo ohne offensichtlichen Abschluß unter Hinterlassung einer Lücke auflöst. 1) Unser ephemeres Dasein wird hierdurch besonders verdeutlicht. Enso, der mißgestaltete Kreis, steht für die geisteswissenschaftliche Tatsache der Unsterblichkeit in der tödlichen Verwundbarkeit, der Vollkommenheit mitten im unperfekten Dasein, für die Ruhe in der Aktivität, die Anwesenheit in der Abwesenheit, die Unendlichkeit in der Endlichkeit, das Prinzip “kein-Ding” umringt von Dingen. Er verweist auf den kreisförmigen Ablauf des Lebens, die ewige Wiederkehr des Gleichen und auf den Mond, der sich im Wasser spiegelt, als die Transzendenz, wo Nirvana und Samasara vereinigt sind. Erkenntnis findet nur hier als Kunst statt, alles andere sind nur relative Mittel für den absoluten Zweck unseres Erscheinens. Vermittelt er nicht Stärke, Eleganz, die Leerheit der Einzeldinge und des ganzen Universums? Ruft er uns nicht dazu auf vorurteilsfrei, also ohne Anhaftung zu denken? Die Meditation mit Enso ist “the state of mind of the artist at the moment of creation”. 2) Enso ist der Geist der Einheit des Lebens und der Beinhaltung aller Dinge, des harmonischen Miteinanders, der persönlichen Entwicklung, der Veredlung des Charakters, der Einfachheit, der Endlosigkeit und der rhythmischen Wiederkehr der Existenz. Enso steht weiter für die Manifestation des Momentes, die absolute Erkenntnis, die Repräsentation unseres wahren Selbst. Mit ihm kann die gegenseitige Austauschbarkeit von Leere und Form dargestellt werden. Dann ist Enso die Meditationsgrundlage zur Gewinnung der Geistgestalt des “no-mind”. Hierbei geht es um die reine ununterbrochene Bewegung des Künstlers von der Intuition bis zur tatsachenschaffenden Handlung: Der Körper als das fazinierende Werkzeug, um die jeweilige Individualität im Kunstgegenstand untergehen zu lassen. Ein aus der Hand eines Zen-Meisters plötzlich aus der tiefen Versenkung heraus energisch gemaltes Enso beinhaltet die ganze Kraft dieses sankrosankten Wegweisers. Zurück zur kunstvollen Öffnung der Darstellung. Während der Übung läßt diese Aussparung im Bewußtsein des Adepten, das Bild des Unperfekten, das Bild des Entwicklungsbedürftigen entstehen, das aber gleichzeitig den Gegenteilen polar gegenübersteht. Das Zusammendenken ist es, was im täglichen Miteinander auf diese Weise eingeschliffen wird. Die lineare Zeit verwandelt sich in den ewigen Augenblick! 3, ebd.) “Only a person who is mentally and spiritually complete can draw a true enso.”
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1) Diese Darstellungsvariante ist auch das Sinnbild von “Sonne und Erde”, Werkstatt für ein ganzheitliches Bewußtsein.
2) Für eine einführende Beschäftigung als wertvoll erachtet und entnommen, übersetzt und leicht verändert aus: http://www.modernzen.org/enso.htm
3) “The enso reveals the expressive movement and character of the artist’s spirit and leaves the creator fully exposed at the particular movement in time.”

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