Ersa, die Tau-Göttin küßt Sie jeden Morgen wach

(320, aktuell) Sie wollen es nicht glauben? Wie wäre denn sonst der Morgentau auf den Blüten zu erklären? Ersa küßt jede einzelne von ihnen, luftig sanft. Auch Sie werden nicht vergessen! Achten Sie darauf, wenn Sie morgens erwachen! Sie ist für das hauchzarte Wasser zuständig, das zwischen Wasser und Luft liegt. Im Zwischenreich von Nacht und Tag, noch im Wirkungsbereich ihrer Mutter, Artemis-Selene, sind die Morgennebel ihr Werk. “Wo sind meine beiden Schwestern”, denkt sie plötzlich. “Oh, Pandia, Nemea”, ruft sie aus, während sie barfüßig im nassen Graß dahinschreitet und den feuchten Morgenwind herbeizaubert. “Ach, so lange habe ich sie nicht gesehen, seit mein Vater Zeus sie zu einem Fest mitnahm.” Aber dann fliegt sie mit rauschendem Gewand dem schwachen Mondlicht entgegen, nicht ohne die vielen Münder zu liebkosen, die an ihre Wohltaten glauben. Unterwegs wirft sie noch einen Blick auf ihre einzige Darstellung auf dem Schloss Rosenstein in Stuttgart, wo sie im klassizistischen Artemis-Selene-Relief, einem Giebelfeld über dem Haupteingang, zu sehen ist. Friedrich Distelbarth (1768 – 1836) zeigt sie schwebend hinter ihrer Mutter hoch eine Muschel haltend, aus der Tau strömt und die Erde benetzt. Jetzt aber hat sie sich zeitbedingt im Äther aufgelöst und wartet in reiner Potentialität auf den nächsten Morgen, um dann wieder in die Raum-Zeit hinabzusteigen und ihre göttliche Pflicht auszuüben. 1)
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1) Auf Flüchtigkeitsfehler durchgesehen am 15/04/20.

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