Im Dokusanraum: KAN – Die Schranke ist die offene Weite. Das Paradox denken

“He, hier kommen Sie nicht durch”, ruft eine amazonenhafte Nymphe dem unwissenden Odysseus im Dokusanraum aus dem Reich der Artemis zu. “Ach, ich vergaß die Schranke”, sagte er. Und schon hatte er sich selbst ausgeschlossen. Wo eine Schranke ist, da wird auch eine gefunden. Für das dauerhafte Sein dieser ist jeder selbst verantwortlich. Der lebendige Weg in alle Richtungen ist immer offen, doch es ist der Ochse der Borniertheit im “Unteren Ich”, der uns permanent im Wege steht. Wenn dieser einmal auf Dauer verloren gegangen ist, dann kann uns das objektive Ich zum Symbolbewußtsein führen, die andere Seite unseres wahren Wesens. Plötzlich sind wir umringt von überaus reizenden, gut gelaunten und anmutigen Töchtern der Natur. Ohne es zu bemerken tut sich vor unseren Augen die schrankenlose Welt auf. Es war der spätere Zen-Meister Ummon, der das Koan KAN in einer Unterredung mit dem Meister Suigan in China schuf. 1) Das Reden allein führt zu keiner Veränderung in der naturgesetzlichen Welt. Auch die Worte haben einen freilassenden Symbolwert, im besten Fall. Trotzdem behauptet er einen unmittelbaren Zusammenhang, um Zen einzufordern, den nächsten Schritt von der lebendigen Natur der ästhetischen Erfahrung zur rituell gehandhabten Kunst, die Heiligung des Alltags zum ALL – Tag. Wenn auch nur eine Augenbraue geblieben ist, dann hat er sein Ziel verfehlt, dann hat er sein Dharma nicht übertragen können. Die absolute Hingabe an seine eigene Erkenntnisidee ohne Rest, auch wenn der Erfolg im Herrschaftsbereich des Pluto ausbleiben sollte, das ist Zen. Seine Hauptschüler wurden alle anerkannte Dharmaträger, welche die Leuchte weiterreichen konnten. Machen wir es ihnen nach! Stellen wir uns bewußt in diese Tradition und überbringen das Licht des Goethe an die folgenden Generationen.
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1) Zu finden ist diese in der Koansammlung des Hekigan-Roku als 8. Beispiel. Einmal sagte er: “Meine Brüder seit Beginn des Sommers habe ich viel geredet. Schaut, ob mir auch nur ein Härchen meiner Augenbrauen geblieben ist.“ Diese Aussage quittierte der spätere Ummon mit: “Kan!”

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